Betrachtung zur Botschaft, Medjugorje, 25 Januar 2018 – P Dr. Tomislav Pervan OFM

P. Dr. Tomislav Pervan OFM

 

HEILIGER GEIST -BEKEHRUNG -GEBET – HEILIGKEIT – HIMMEL

Die neueste Botschaft der Muttergottes durch Marija Pavlovic-Lunetti können wir im aktuellen zeitlichen Kontext des Geschehens in der Kirche und der Welt deuten.

Die Grundbegriffe der Botschaft sind der Heilige Geist, das Wirken des Heiligen Geistes, das Gebet, die Bekehrung, Heiligkeit, der Himmel und das Lesen der Heiligen Schrift, die uns dazu bewegt, Gott und seine heiligende Wirkung zu suchen und von den irdischen Dingen und der Neigung zum Irdischen loszulassen. In den wenigen Worten der Botschaft ist ein ganzes Lebensprogramm enthalten.

Sie sind wie eine himmlische Teletextnachricht oder ein SMS. Wir wissen, dass solche Botschaften immer komprimiert und kompakt sind. In wenigen ausgewählten Worten ist das Wesentliche, das ein Mensch dem anderen mitteilen will, ausgedrückt. So ähnlich könnte man auch die Botschaften von Marija Pavlovic sehen: Sie sind kurz und komprimiert.

Die Botschaft vom 25. Jänner wurde uns am Tag der Bekehrung des Apostels Paulus übermittelt. Dieser Heilige hat sich nicht durch tiefgründige Überlegungen, lange Meditationen, Übungen in Askese, durch Fasten oder die Verrichtung langer Gebete bekehrt. Er hätte in seinem Sinn auch keine Bekehrung nötig gehabt, da er sich als jüdischer Spitzentheologe, der seinen Kollegen an der Jerusalemer Theologenschule weit überlegen war, vollkommen an die Gesetze Gottes hielt – bis dann jener Moment auf dem Weg nach Damaskus kam, da er dem Herrn begegnete. Vielleicht war es auch eine Bedingung seiner Bekehrung, dass er erfahren sollte, dass die Theologie selbst – als Lehre über Gott – nicht in der Lage ist, den Menschen Gott näher zu bringen, wenn der Mensch sich dem Heiligen Geist verschließt. Gott geht dem Menschen entgegen. Genauso war es bei Paulus. Der Anstoß zu seiner Bekehrung kommt von außen, vom Herrn selbst. Der Herr ist ihm erschienen, und Paulus ist dem auferstandenen Herrn begegnet. Diese Begegnung blendete ihn so sehr, dass er in Damaskus zu einem bestimmten Hananias gehen musste, um von ihm zu hören, was er zu tun hätte. Doch der Jünger Hananias fürchtete sich vor Saulus, von dem er gehört hatte, dass er die Christen verfolge und verhafte. Der Herr nahm die Ängste von ihm, indem er ihn ermutigte: „Geh nur! Denn dieser Mann ist mein auserwähltes Werkzeug.“ (Apg 9,15).

Diese Szene ist mit jener vom blinden Mann im Johannesevangelium vergleichbar, wo Jesus dem von Geburt an Blinden aufträgt, sich im See Schiloach zu waschen. Schiloach bedeutet der Gesandte. Als der Mann tat, was Jesus ihm aufgetragen hatte, konnte er auf der Stelle sehen (vgl. Joh 9,7). So geschah es auch hier: In dem Moment, wo Hananias Paulus taufte, fielen diesem die Schuppen von den Augen. Er konnte mit dem Herzen und dann auch mit seinen physischen Augen sehen. Damit begann ein Prozess des Nachdenkens über sein früheres Leben und das Geschenk seiner Bekehrung. Durch die Begegnung mit Christus geschah ein Perspektivenwechsel. Paulus hinterfragt alles und macht eine Lebenswende zu Jesus. Ab jetzt wird Jesus Christus zum Mittelpunkt und Sinn seines Lebens, zu seinem Lebensinhalt. „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“, schreibt er den Galatern (Gal 2,20). Das ist die Frucht und der Ausgang jeder christlicher Bekehrung: Christus, Sinn und Inhalt meines Lebens, durch die Kraft des Heiligen Geistes.

Der Geist kommt über den Einzelnen durch die Kraft des Gebetes. Der Geist führt uns ins Geheimnis der Person Jesus. Er erleuchtet die Herzen. „Accende lumen sensibus, infunde amorem cordibus“ – Zünd an in uns des Lichtes Schein, gieß Liebe in die Herzen ein, singen wir im Veni creator spiritus.

Öffnet eure Herzen und lest die Heilige Schrift

Der gleiche Heilige Paulus schreibt im Römerbrief: „Und alles, was einst geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch Geduld und durch den Trost der Schrift Hoffnung haben.“ (Röm 15,4).

Die Gospa lädt uns wiederholte Male ein, die Bibel zur Hand zu nehmen und darin zu lesen, damit sie nicht nur als Schmuckstück auf unserem Regal oder in der Vitrine ist. Maria wiederholt für uns, was bereits Inhalt der Heiligen Schrift ist, aus der Gott durch den Heiligen Geist zu uns spricht. Der Heilige Geist ist der Autor der Schrift, der sich menschlicher Autoren bedient, um uns Worte des Heils und des Trostes, der Ermutigung, zur Ausdauer und zur Festigkeit zu überbringen.

Medjugorje – Ein zeitgenössisches Damaskus für Millionen von Pilgern

Medjugorje ist im Leben von Millionen von Pilgern, die den Ort besucht haben, zu so etwas wie der Weg des Paulus nach Damaskus geworden. Dort begegnete er dem lebendigen Christus. So ähnlich geschah es Millionen von Menschen, die hier in Medjugorje durch die Muttergottes Jesus Christus begegnet sind. Ich erinnere mich sehr gut an die Fastenzeit des Jahres 1983, als eine kleine Gruppe Jugendlicher aus Wien mit einem Kombi nach Medjugorje kam. Sie kamen als Gottsuchende und sie begegneten dem Herrn Jesus Christus und hörten seither nicht mehr auf, in der Kirche zu wirken – missionarisch, evangelisierend, Pilgerreisen organisierend, mit ihrem Leben in den Familien, Schriften publizierend. Der Herr hat in ihr Leben eingegriffen und so wurden sie für viele zu einem Wegweiser zu Gott.

Also Medjugorje: Ein Ort der Gottsuchenden, der Christussuchenden, ein zeitgenössisches Damaskus für unzählige Menschen, eine Tatsache, die niemand negieren und niemand aus dem Herzen und Leben der Menschen auslöschen kann, weder oberflächliche Kritiken, noch unwahre Argumente oder Verleumdungen. Contra facta non sunt argumenta! – Gegen Tatsachen gibt es keine Argumente.

Die Botschaft richtet uns aus zur Heiligkeit und zum Himmel. Das ist der Sinn unseres Lebens – nicht die Erde und die irdischen Ziele, sondern mit der Kraft des Gebetes und des Glaubens sollen wir die Welt verändern.

Die Botschaft spricht klar über die Heiligkeit. Die Heiligkeit ist nicht ein Werk des einzelnen Menschen, trotz allen Bemühens und eigener Anstrengungen. Der Mensch kann nicht von sich selbst aus heilig werden. Die Heiligkeit ist ein Werk Gottes. Der Mensch muss aber mitmachen, in Freiheit und Liebe. Die Heiligkeit kommt nicht von der Erde, sondern vom Herrn und vom Geist, der heilig macht. Das hat besonders die Kleine Heilige Therese verstanden. Sie wollte auf die Spitze des Berges der Heiligkeit mit eigenen Kräften gelangen, aber als sie schon ahnen konnte, wie nahe sie dem Ziel war, fand sie sich plötzlich in einem tiefen Tal wieder, ähnlich dem Sisyphus, der Tag für Tag den Felsblock bergauf wälzen sollte. Eines Tages, als Therese an das Bild eines Fahrstuhls dachte, der die Menschen auf höhere Stockwerke transportiert, ergriff sie intuitiv der Gedanke: „Ich verstehe nun, wer mich auf den Berg der Heiligkeit tragen kann: Mein Fahrstuhl ist Jesus Christus. Ich werde ihn bitten, mich in seine Arme zu nehmen und auf den Gipfel zu stellen.“ So hat sie es auch getan. Und in kurzer Zeit machte sie ungeahnte Fortschritte auf ihrem Weg der Vereinigung mit dem Herrn.

Heiligkeit ist für den Menschen unmöglich, aber nicht für Gott. Je mehr jemand zum Wort Gottes sagt: „Hier bin ich!“, desto mehr wächst er in der Heiligkeit. Ein Heiliger bleibt nie allein. Er ist wie ein Weizenkorn, dessen Keim sich entfaltet und zu einer Ähre mit vielen Körnern wird. Von einem Heiligen stammen viele andere Heilige. Wie das geschieht, bleibt uns verschleiert. Das ist ein Geheimnis, das nur Gott kennt.

„Bye bye, Transzendenz!“

Wenn wir die kirchliche Situation im deutschen Sprachraum und den anderen westlichen Ländern betrachten, merken wir, wie selten oder gar nicht über Heiligkeit, das Gebet und vor allem über die transzendentale Wirklichkeit, den Himmel, gesprochen wird. Das alles ist aus den theologischen Gedanken verschwunden, besonders in den sonntäglichen Predigten. Kaum jemand noch predigt über Sünde, Heiligkeit, Gebet und Glaube an das Leben nach dem Tod. Im Fokus der Betrachtungen stehen humanitäre Aktivitäten, Ökologie und Schutz der Umwelt, Flüchtlingshilfe und heute auch die Ehe für alle.
In diesem Kontext ist es interessant zu erwähnen, dass die deutsche Monatszeitschrift Cicero für Politik und Kultur in ihrer Septemberausgabe 2017 einen Artikel mit der Überschrift publizierte: „Bye, bye, Transzendenz.“ Im Untertitel findet sich die Behauptung: „Spirituell ausgezehrt, finanziell gesättigt: Die Kirchen sind politische Akteure geworden. Umweltschutz und Flüchtlingshilfe verdrängen Gebet und Bekenntnis. Muss das so sein?“

Im ersten Korintherbrief, im großen 15. Kapitel über die Auferstehung, sagt uns der Hl. Paulus, dass die Auferstehung der Grund unseres Glaubens ist und bleibt. Ohne Glauben an die Auferstehung gibt es kein Christentum, gibt es keinen Bedarf nach Heiligkeit und nach dem Himmel. Dieses lange Kapitel endet mit dem Ruf, der auch uns gilt: „Daher, geliebte Brüder, seid standhaft und unerschütterlich, nehmt immer eifriger am Werk des Herrn teil und denkt daran, dass im Herrn eure Mühe nicht vergeblich ist.“ (1 Kor 15,58).



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